Heimat – ein wirklich spannendes Thema, das sich Susanne Nahtlust für die heutigen Stoffspielereien ausgesucht hat.

Meine Heimat ist hier, am Rand der Schwäbischen Alb. Dort wohnen wir auf einem Dorf in meinem Elternhaus, einem mehrfach um- und angebauten Bauernhaus, in dem sich manche Schätze noch finden lassen (beispielsweise meine Beiträge zu den Stoffspielereien mit der schwäbischen Tracht/Bändelhaube oder die Hutsammlung). Nach dem Abitur verließ ich diese Heimat, um 13 Jahre später wieder dort ins Elternhaus mit meiner eigenen noch kleinen Familie einzuziehen. Und auch wenn es ein Prozess war: das ist meine Heimat und ich bin sehr gerne hier. Der Dialekt ist mir vertraut, mit den typischen Eigenschaften des Schwaben kann ich umgehen und ich mag es, mich auszukennen und “daheim” zu sein.

Für die Stoffspielereien suchte ich zuerst nach einer für diese Gegend typischen Handarbeit – und wurde nicht fündig. Hier wurden vermutlich nur Socken gestrickt, für feinere Handarbeiten fehlte die Ruhe und die Zeit. Daher besann ich mich des “Bauernkittel”, oder wie wie man hier sagt, des “Blohemad”, also des Blauhemdes.

Dieses Blauhemd wurde in unserer Gegend bis in die 1950er Jahre von Bauern bei der Feldarbeit getragen. Das Älteste meiner Hemden stammt auch tatsächlich noch von meinem Großvater (1899-1953), der diesen groben und etwas unförmigen Kittel bei der Arbeit getragen hat. Es schützt die darunter angezogene Kleidung vor Schmutz und ist relativ winddicht. Es gibt kein vorne und hinten, so dass es, wenn eine Seite dreckig geworden war, umgedreht getragen werden konnte. Ich denke aber, dass dieses alte Hemd nicht selbst genäht und bestickt wurde, sondern irgendwo gekauft wurde.

Typische Merkmale eines Blauhemdes ist der gerade Schnitt (ziemlich unförmig…)

und ein gerade eingesetzter Ärmel mit Manschette

sowie ein Taschendurchgriff an der Seitennaht.

Die einzigen Verzierungen sind gerade und wellenförmige Linien mit einem Kettstich, hier in schwarz (in katholischen Gegenden vermutlich in rot) am Ausschnitt

und an der Schulter.

Auf dem “Saumarkt” in unserer Stadt finden sich zwei Figuren, die einen Bauern im Handel mit einem Metzger darstellen. Und der Bauer trägt eindeutig ein “Blohemad”: neben dem typischen Schnitt ist die Stickerei auf der Schulter und der Taschendurchgriff eindeutig erkennbar. Der Kittel ist kürzer als das meines Großvaters – ich denke, so sah das ein wenig “stadtfeiner” aus.

Die drei anderen Kittel stammen aus den 60er- und 70er Jahren und sind gekauft,. Die Damenversion trug meine Mutter als Umstandskleidung.

Hier sind alles Verzierungsnähte weiß, aber immer im gleichen Stil.

Die beiden Kinderkittel trugen wir als Kinder bei Festumzügen, gerne bekam das Baby des Hauses die Babyversion an (hier ein Instagram-Bild eines solches Kleinkindes im Leiterwagen.) Auf diese Weise wurde schon meine kleine Schwester und später mein Jüngster bei Festen hier durchs Dorf gezogen).

Besondern süß ist die Taschendurchgriffsverzierung des Babykittels.

Bei meinem Recherchen habe ich festgestellt, dass heute der Bauernkittel hauptsächlich bei Fasnetsumzügen eingesetzt wird – das fällt mir ein wenig schwer, da ich ihn wirklich noch als Kleidungsstück zumindest bei meiner Mutter gesehen habe.

Doch wie lässt sich dies jetzt auf die Stoffspielereien umsetzen? Ich stieß auf einen interessanten Artikel, warum sich heute nur die bayerische Tracht mit Dirndl und Lederhose als Festgewand durchgesetzt hat und nicht die schwäbische Kleidung (hier zum Nachlesen). Das machte mir Mut, den schwäbischen Kittel etwas moderner zu interpretieren.

Erste Versuche mit einem etwas lockeren gewebten Stoff, einem Baumwollgarn und einer sehr dünnen Garn-Häkelnadel gefielen mir ganz gut, da ich vor allem den Kettstich auf ein Kleidungsstück aufbringen wollte.

Dann fand ich im Stoffladen einen passenden Stoff, vermutlich ein Leinen-Viskose-Gemisch, das sehr schön fällt und nicht zu dicht gewebt ist. Ihn gab es auch in blau, aber da hätte ich vermutlich kein Kleidungsstück draus angezogen. Beige erschien mir passender und so nähte ich mir ein Top daraus:

Zuerst wollte ich die typischen Wellenlinien mit einem Kettstich aufhäkeln und zeichnete entsprechend an.

Das wollte mir aber gar nicht gelingen und so blieb ich bei einer relativ gerade verlaufenen Linie aus Kettstichen am Ausschnitt und am Arm.

So schnell dieses Aufhäkeln auch ging, die Schwierigkeit liegt darin, die Linie gerade und in gleichem Abstand zur Kante zu bekommen. Perfekt ist es nicht, aber lustig war, wie mein Mann die Ähnlichkeit zwischen dem alten Bauernkittel und dem neuen Top feststellte, als die beiden nebeneinander am Geländer hingen.

Die Verzierung ist sehr dezent, aber so werde ich das Top anziehen und wer weiß, vielleicht probiere ich an einem weiteren Stück auch die typischen Verzierungen, wie sie im Schulterbereich der Bauernkittel zu finden sind.

File:Schwabenalb Tafel31A, Albbauer Blauhemd, Lauxmann.jpg

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schwabenalb_Tafel31A,_Albbauer_Blauhemd,_Lauxmann.jpg

Nun bin ich gespannt, was sich bei Susanne Nahtlust für heimatliche Ideen sammeln!

Liebe Grüße

Ines

 

DIE STOFFSPIELEREIEN

Mach mit, trau dich, sei dabei! Die Stoffspielereien sind offen für alle, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Es geht ums Experimentieren und nicht ums Perfektsein, denn gerade aus vermeintlich „misslungenen“ Experimenten können wir im Austausch jede Menge lernen. Lass dich gerne vom monatlich vorgegebenen Thema inspirieren und zeig deine Ideen dazu.

Jeden letzten Sonntag im Monat sind die Stoffspielereien zu Gast bei einer anderen Bloggerin. Dabei kommen wir ohne Verlinkungstool aus: Schreib einfach einen Kommentar mit dem Link zu deinem Beitrag im jeweiligen Blogpost der Gastgeberin. Sie fügt die Links im Lauf des Tages in ihren Beitrag ein – ganz persönlich und individuell.

Bist du nächstes Mal auch dabei?

Die nächsten Termine

30.06.2019: “Afrika” bei made with Blümchen https://www.madewithbluemchen.at/
29.09.2019: „Miniatur” bei Feuerwerk bei Kaze https://feuerwerkbykaze.blogspot.com/
27.10.2019: “Handweben” bei Schnitt für Schnitt http://schnittfuerschnitt.de/
24.11.2019: (Thema noch nicht fix) bei Nähzimmerplaudereien https://naehzimmerplaudereien.com/

Einen Überblick über die bisherigen Stoffspielereien findest Du bei „Siebensachen zum Selbermachen“.