… eine Sammelsurium-Tüte alter weißer Wäsche aus der Kleider-Sammelzentrale.

Textile Werke sammelt heute die Stoffspielereien zum Thema  “Ich war einmal…” – und ich war anfangs damit total überfordert. Ich bin keine große Freundin von Upcycling und war daher lange einfallslos, was ich zu diesem Thema ausprobiere.

Da fielen mir zwei Tüten in meinem Regal ein:
Bei uns in der Nähe wird von einer kirchlichen Einrichtung Kleidung und alte Wäsche gesammelt. Ein paar Mal im Jahr kann man dort altes Leinen, alte Tisch- und Bettwäsche und andere Weißnäherei erstehen. Und es gibt da einen Korb, in dem sich Tüten mit Resten befinden – sehr verführerisch! Beim letzten Mal habe ich die bereits erwähnten zwei Tüten für je ca. 5 € gekauft. Meist sind da Spitzendeckchen, Leinenreste, verfleckte Tischwäsche und anderes darin.

In dieser Tüte war bspw. ein einknöpfbarer Einsatz für ein Dirndl (unten Mitte),  weiße Streifen (unten rechts davon – weiß jemand von Euch, für was die verwendet wurden?)

oder auch eine längere Unterhose, die unten offen ist – sie sollte ich wohl irgendeinem Heimatverein vermachen.

Besonders angetan hat es mir aus der anderen Tüte ein Kissenbezug in der früher hier üblichen Größe von ca. 80 cm x 100 cm, ein sogenannter “Haipfel”. Er hat einen seitlichen Einsatz aus Biesen kombiniert mit einer Häkelborte sowie eine Monogramm-Stickerei in Rot.

Bei meinen Nachforschungen habe ich festgestellt, dass ein “Haipfel” als ein schwäbsiches Kissenmaß gilt und teilweise sogar noch hergestellt wird. Meine Eltern haben bis heute Kissen in dieser Größe in Verwendung.

Dieser Stoff alleine reichte jedoch nicht für meine spontane Idee, mir daraus eine Bluse mit Spitzeneinsatz zu nähen. Doch mein Mann hatte mir zum letzten Geburtstag einen alten, aber noch fabrikneuen Haipfel-Kissenbezug aus dem Trödelhaus geschenkt (habe ich schon mal gesagt, dass ich einen wunderbaren Mann habe?). Auf diesem Bezug war sogar noch der originale Aufkleber “Halbleinen” drauf.  

Halbleinen ist ein Stoff, bei dem die Kette aus reinem Baumwollgarn und der Schuß aus Leinengarn besteht

Mein Problem ist, dass ich ja noch viel mehr alte Bettwäsche habe, diese aber meist meiner schon in den 30er Jahren jung verstorbenden Großmutter gehörte. Als ich vor Jahren einen alten Bezug von ihr zu einem Engelskleid fürs Krippenspiel vernähte, musste ich dabei sehr an diese mir unbekannte Frau denken und habe ihrem handgestickten Monogram einen Ehrenplatz auf dem Kleidchen gegeben. Und daher bleibt diese Weißwäsche liegen und ich zerschneide die Bettwäsche andere Leute… .

Auf dem Kissen aus der Tüte befindet sich direkt neben den Biesen ein rotes handgesticktes Monogramm, das ich aber leider nicht entziffern kann. Dieses wollte ich aber unbedingt in der Bluse haben.

Das Monogramm war mit sehr geringem Abstand zu den Biesen, so dass ich, wenn ich die Biesen samt Spitzen für das Plastron verwenden wollte, das Monogramm zerschneiden müsste.

Daher griff ich zum Nahttrenner und trennte jeweils die äußerste der vier Biesen auf – sollte ja symmetrisch sein. Und das war so was von schlecht zu trennen, da sich da Nähgarn so stark mit dem Stoff verbunden hatte – gar nichts für meine Augen!

Aber nach zwei Stunden hatte ich es geschafft und hatte dadurch eine Nahtzugabe zum Annähen eines Stoffstreifens rechts und links der Biesen geschaffen. Auch das Monogramm, das in die rückwärtige Passe sollte, hatte nun eine entsprechende Nahtzugabe.

Das Plastron habe ich  verstürzt, anders wäre mir zu durchsichtig.

Und wie ich Vorder- und Rückenteil so anschaute, kam mir der Halsausschnitt etwas klein vor. Also zusammengesteckt und versucht, meinen Kopf durchzubringen…

… und das ging gar nicht. Auftrennen wollte ich aber auch nicht, zudem hatte ich das Plastron schon in das Vorderteil eingenäht. Da kam mir die Idee, an einer Schulternaht einen nahtverdeckten Reißverschluss einzunähen, um so das Halsloch größer zu bekommen.

Und auch wenn ein Reißverschluss an einer solchen eher “trachtig” angehauchten Bluse eigentlich gar nicht geht, rettete mir das schlußendlich den Kopf, im wahrsten Sinne des Wortes.

So wurde die Bluse tatsächlich rechtzeitig fertig. Mit der Nähzeit hatte ich mich völlig verkalkuliert und zwei Tage dafür gebraucht.

An den Ärmelmanschetten habe ich den restlichen Streifen des Einsatzes verarbeitet.

Das Monogramm hat auf der Rückenpasse einen schönen Platz bekommen – da freue ich mich wirklich sehr.

Und ich habe endlich eine weiße Bluse, die nicht so durchsichtig ist. Ich bin gespannt, wie sie sich im Alltag bewährt und wie sie sich bügeln lässt.

Vielen lieben Dank an Textile Werke, die heute Gastgeberin der Stoffspielereien ist. Dort findet Ihr auch die Links zu den anderen heutigen Stoffspielerinnen.

Liebe Grüße

Ines

 

Was sind die Stoffspielereien?

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:

24.02.2019: „Farbverläufe“ bei Schnitt für Schnitt
31.03.2019: „Geometrie“ bei Feuerwerk by Kaze

 

Material
2 Kissenbezüge

Schnittmuster
Elsenschwester02 von schneidernmeistern
Den Ärmel habe ich sehr viel weiter zugeschnitten (s.a. in diesem Beitrag). hier habe ich auch am unteren Ärmelsaum Weite zugefügt.
Ich habe das Schnittteil “einfaches Plastron” im Stoffbruch zugeschnitten, das reicht so nicht von der Halsweite und bedarf einer Erweiterung.